Störungen der Sexualität nach Geburten und Operationen im Intimbereich
Homepage-Publikation von Ritzmann Dorin am 04.04.2007
Störungen der Sexualität nach Geburten und Operationen im Intimbereich "A Young Woman, say they, is Master of her own Body, and by her Natural Right of Liberty is free to do what she pleases" Baron de Lahonton; New Voyages to North-America 1703, reprint 1905 Volume II p453
Störungen der Sexualität nach Geburten und Operationen im Intimbereich
Bedeutung
Prävalenz von Sexualstörungen
• nach Operationen im Beckenbodenbereich (Raffungen, Operationen der Blase, des Introitus und der Labien) ca. 10- 14%.
• nach Operationen im kleinen Becken (Hysterektomien, Adnexoperationen) nicht nachweisbar.
• nach Geburten ca. 10-20%.
• nach operativen Geschlechtsveränderungen (Beschneidungen, Genitalrekonstruktionen) ca. 90-100%.
Eine erfüllte Sexualität ist abhängig von vollständiger Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Die Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper ist in keiner heute herrschenden Kultur gegeben. Gewalt gegen Frauen schwankt zwischen 30% in Ländern mit einer offiziellen Gleichstellungspolitik bis über 90% in Ländern ohne dieselbe. Das Ziel, die sexuelle und fruchtbarkeits-bezogene Gesundheit der Frauen weltweit zu fördern, wurde 1994 (Uno-Konferenz) als vorrangiges Ziel postuliert und 2000 als Millenniums-Ziel ersatzlos gestrichen.
Diagnostik
Drei Fragen nach den drei Hauptsymptomen: Frigidität, Dyspareunie, Abwehr
1. Leben Sie sicher?
2. Werden Sie von Ihrem Partner, Ihrer Partnerin respektiert?
3. Hat sich körperlich etwas verändert seit der Operation / Geburt?
Ad 1: Leben Sie sicher?
Bei "Nein" bitte genau nachfragen. Die Antworten sind meist präzise: Gewalt, Drohung verlassen zu werden, Drohung kein Geld mehr zu bekommen, Beschimpfung etc. In diesem Fall genau zuhören und weiter weisen (siehe Anhang). Ohne Sicherheit in der Beziehung ist eine erfüllte Sexualität illusorisch. Die Sexualstörungen werden oft als Frigidität und Dyspareunie bezeichnet.
Ad 2: Werden Sie von Ihrem Partner, Ihrer Partnerin respektiert?
Bei "Nein" ein Paargespräch empfehlen. Vielen Männern ist nicht klar, dass Frauen mit Lust auf (öffentliche) Respektbezeugung reagieren. Eine einfache und wirkungsvolle Methode, die geübt werden kann. Hier laufen die Sexualstörungen meist unter Frigidität, Lustlosigkeit oder Desinteresse.
Ad 3: Hat sich körperlich etwas verändert seit der Operation / Geburt?
Unabhängig von der Antwort ganz allgemein über unseren Körper zu reden beginnen; z.B: Manchmal reagieren einzelne Teile unseres Körpers beleidigt. Sie können sich zurückziehen, wie Kinder, die bestraft wurden. Manchmal spüren wir dies nur dann, wenn wir diese Körperteile pflegen oder betrachten. Pflegt sich eine Frau regelmässig im Intimbereich ohne seelische oder körperliche Abwehr, ist eine körperlich bedingte, postpartale / postoperative Sexualstörung sehr unwahrscheinlich.
Symptomatik:
Akut: Angst vor Sexualität, allgemeines Unwohlsein, Lustlosigkeit, Muskelanspannung des gesamten Beckenbodens. Zusammenzucken bei direkter Betrachtung, Abwehr mit weg gedrehtem Kopf und abwehrenden Händen gegenüber der Untersucherin resp. dem Partner / der Partnerin. Schmerzen bei Berührung der Venuslippen (L. majora), der Nymphen (L. minora), der Perle (Klitoris), des Dammes; Schmerzen beim Dehnen des Samtpforte (Introitus), rasches Abflauen des Lustgefühles während der Sexualität. Lang anhaltendes Unwohlsein und Schmerzen nach der Sexualität.
Chronisch: Fissuren des Dammes und des Introitus, Kolpitiden, lokale Vulvitis, Vulva-Vestibulum-Syndrom, Urethralsyndrom, chronische Reizblase, Verzicht auf Sexualität.
Folgeerkrankungen durch körperlich-seelische Dissoziation:
Erhöhtes Risiko für Portio-Dysplasien und chronisch entzündliche Veränderungen des Genitale.
Risikogruppen:
• Kinder und Jugendliche, Sprachunkundige, Arme, Angehörige von Minderheiten, Farbige.
• Retraumatisierte durch Geburt oder Operation (repetitive Traumen wie Sexualübergriffe, Re-Operationen).
Risikosituationen:
• Ausgedehnte Eingriffe (Geschlechtsrekonstruktion bei AGS und XY-Frauen).
• Traumatisierung durch den Ablauf: kein Mitspracherecht, Angstverstärkung durch Hektik, Geschrei (oft bei Geburten!).
Screening in der Allgemeinpraxis?
Sehr zu empfehlen: Postpartale / postoperative Nachkontrolle kurzfristige sowie nach 4 Monaten. In den ersten drei Monaten besteht eine grosse Selbstheilungstendenz.
Therapie
• Bei fehlender Sicherheit oder Respekt in der Beziehung muss dieses Problem zuerst gelöst werden. Dies genau erklären und an spezifische Beratungsstellen überweisen.
• Angehörige von Risikogruppen oder durch Risikosituationen Geschädigte zusätzlich zur Reintegration an eine Traumatherapeutin überweisen (siehe Anhang).
Körperliche Reintegration:
a. Information in bildhafter Sprache und Förderung der Eigenwahrnehmung: zuerst auf Bildern, dann mit Spiegel die äusseren Geschlechtsteile zeigen und wohlwollend benennen (ohne Berührung!), z.B: Schatz statt Scham, Samtpforte / Samthöhle statt Scheide etc. Der Frau erlauben, sich in wohlwollender Weise zu betrachten.
b. Pflege: eine sanfte Pflege zweimal wöchentlich empfehlen. Bei Unberührbarkeit mit Dampfbad, oder kurzem Sitzbad beginnen (Eichenrinde oder Lavendelzusatz, 10 Minuten). Ansonsten mit Pflanzenölen an einem lokal begrenzten, kleinen Ort einmassieren und auf Eigenwahrnehmung achten lassen. Nur bei angenehmem Empfinden durchführen lassen. Wärmewickel empfehlen (z.B. Heilerde, Leinsamen). Bei chronischen Erkrankungen diese direkt angehen und behandeln (Fissuren, Kolpitiden etc.).
c. Stufenprogramm mit Partner / Partnerin: erster Monat nur Schmusen ohne Berührung des Schatzes. Zweiter Monat vorsichtiges Streicheln von Damm und Venuslippen, Vorsicht mit Introitus! Dritter Monat Beginn mit aufnehmender Sexualität. Bei Abwehr oder Schmerzen zurück um eine Stufe.
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