Gesundheit ist ein Menschenrecht
Es ist eine primäre Aufgabe jeder menschlichen Gemeinschaft, Hilfe zu leisten, um gesund zu bleiben oder gesund zu werden. Auch die mitmenschliche Begleitung und Hilfe beim Gebären, beim Geboren-Werden, beim Krank-Sein und beim Sterben gehören zu den Grundaufgaben.
Seit Jahrzehnten sagt und belegt die WHO, dass es keine bessere, günstigere und vielfältigere Medizin gibt, als die dezentrale Hausarzt-Medizin.
Dennoch läuft die (hohe) Politik exakt in die andere Richtung, dem grossen Geld nach, das durch die Kommerzialisierung und Spezialisierung der Medizin winkt, einem Milliardengeschäft. In der Schweiz als demokratischem Land sollte es doch möglich sein, dass unsere Gemeinden die Aufgabe der Gesunderhaltung der Bevölkerung wieder in ihre eigene Kompetenz zurückholen.

Industrialisierung der Medizin durch Zwangsregulierung und ökonomische Kaltstellung der Ärzteschaft
Seit Januar 2018 gilt ein vom Bundesrat eingeführter Minutentakt für die ärztliche Kommunikation und ein Fünf-Minutentakt für ärztliche Gespräche und klinische Untersuchungen. Die uns zur Verfügung stehende Zeit wurde um ein Drittel reduziert. Dies erschwert und verunmöglicht oft eine gute medizinische Arbeit. Nicht gekürzt wurden gewinn-abwerfende Bereiche wie technische Untersuchungen, operative Verfahren und Medikamentenverkauf.

Da die medizinische Verantwortung für die PatientInnen weiter bei uns ÄrztInnen liegt, die medizinische Kompetenz aber den PolitikerInnen und Versicherern übergeben wurde, wird es für uns ÄrztInnen zunehmend gefährlich, im Rahmen des KVG (Krankenversicherungs-Gesetzes) tätig zu sein.
Werden die engen Vorgaben nicht eingehalten, werden die einzelnen Ärztinnen und Ärzte von der TarifSuisse in ruinösem Ausmass gebüsst. Bis 2017 waren Bussen in der Höhe von hunderttausend bis zweihunderttausend Franken üblich, seit 2018 werden Bussen in der höhe von fünfhunderttausend Franken bis eine Million angedroht und vergeben. Dieses ohne richterliche Verfügung durch Druck, Angstmache und Schuldzuweisung eingezogene Vermögen wird an die in der Schweiz tätigen Krankenkassen ausbezahlt, unabhängig davon, ob diese Krankenkassen überhaupt selber die ärztlichen Leistungen bezahlt hatten oder die Patienten und Patientinnen (Persönliche Mitteilung des Wirtschaftsprüfers der TarifSuisse April 2019). Es kann sich dabei um sehr grosse Geldmengen handeln, die bis heute nicht offengelegt wurden.
Gebüsst werden Abweichungen von der gesamtschweizerischen Norm: Normabweichungen werden üblicherweise nur in kommunistischen Staaten gebüsst. Stellen Sie sich vor, wie Bussen für „Abweichungen von der Norm“ sich in der Industrie, im Schulwesen, in der Politik auswirken würden: alles, was als innovativ und neu gepriesen wird, wird dadurch verboten, da es eine „Abweichung von der Norm“ ist.

Genauso verheerend ist die Einführung dieser Zwangsregelung in der Ärzteschaft: jeder Arzt und jede Ärztin, die eine unüblich breite Weiterbildung durchlaufen haben, stehen unter einem hohem Risiko, „von der Norm“ abzuweichen. Nicht die operativ oder pharmakologisch tätige Ärzteschaft stehen hier unter Verdacht, sondern speziell die psychosomatisch und psychosozial tätigen, die phytotherapeutisch, komplementärmedizinisch, psychologisch, psychiatrisch oder manualtherapeutisch tätigen ÄrztInnen. Warum?

Alles, was der Medizinindustrie zu vermehrtem Umsatz verhilft respektive börsennotiert ist, wird nicht gebüsst oder belangt. Beispielsweise wird das Verordnen von bildgebenden Untersuchungen (MRI, CT, PET-CT etc.) nicht untersucht noch die Verordnung von Biologicals mit ihren exorbitanten Preisen und ihrer hohen Nebenwirkungsrate. Um diese Subgruppe der Ärzteschaft vor allfälligen Bussandrohungen und dem damit einhergehenden hohen Stress zu schützen, werden die verordnenden ÄrztInnen bei der TarifSuisse in Spezialliste registriert (persönliche Mitteilung des Wirtschaftsprüfers der TarifSuisse April 2019) .

Eigenes Beispiel:
Meine bisherigen Bussandrohungen 2008 und 2015 beliefen sich je auf 200’000.00 CHF, diejenige vom Herbst 2018 auf etwa 500’00.00 CHF. Die „Abweichung von der Norm“ beinhaltet beispielsweise die phytotherapeutische Heilung von Krebsvorstufen am Muttermund, die auf operative Verfahren verzichtet. Jede einzelne Krankenkasse konnte damit pro Fall etwa 5’000.00 CHF sparen. Volkswirtschaftlich wird pro Fall erheblich mehr eingespart, da das Risiko für eine spätere Frühgeburt nach operativer Behandlung der Krebsvorstufe am Muttermund fünfmal bis neunmal höher liegt, speziell auch für sehr frühe Frühgeburten unter 1000g. Eine Frühgeburt kostet die Eltern viel Leid, Angst, Zeit und ein oft lebenslanges Begleiten und Helfen. Das ehemalige Frühgeborene kann mit Glück gesund bleiben, mit weniger Glück bleibt eine lebenslange Unterstützung notwendig. Die Gesellschaft als Ganzes kosten Frühgeborene sehr viel Ressourcen, Personal, Geld und Zeit. Kann das Risiko für eine spätere Frühgeburt um das Fünf- bis Neunfache gesenkt werden, liegt die Ersparnis im Bereich von 100’000.00 CHF oder mehr pro Fall. Man könnte annehmen, dass dies eher honoriert als gebüsst würde. Weit gefehlt. Warum?

  • Das phytotherapeutische Behandeln einer Krebsvorstufe am Muttermund liegt ausserhalb der Norm. Die Norm ist das operative Verfahren mit den entsprechenden Folgeproblemen. Da nur die „Abweichung von der Norm“ betrachtet wird, ist es bestrafenswert.
  • Das nicht-operative Behandeln wird zusätzlich bestraft, da das Kollektiv der PatientInnen nach ihrer Operationshäufigkeit und ihrem Medikamentenkonsum eingeschätzt wird, nicht nach ihrer effektiven Erkrankung. Die ärztliche Kunst, Operationen zu verhindern, wird so zum unerwünschten Bumerang, das das eigene PatientInnen-Kollektiv als gesünder gilt trotz identischer Erkrankung. Durch diesen einfachen Trick werden Ärztinnen und Ärzte mit nicht-operativen und nicht medikamentösen Heilverfahren doppelt gebüsst: ihr Kollektiv gilt als gesünder, obwohl es das nicht ist, und sie behandeln „ausserhalb der Norm“.

Wohin führt dieses Bestrafungssystem?
Die Hauptwirkung ist eine Zwangsregulierung der niedergelassen Ärzteschaft in Richtung mehr Umsatz, mehr Gewinn für die Medizinindustrie: abweichende Methoden, unabhängig von ihrer Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wissenschaftlichkeit, werden verfolgt, verdrängt und mit der Zeit vergessen. Da die industrialisierte, kommerzialisierte Medizin ein Milliardengeschäft ist, sind hier massive politische Einflüsse am Werk. Leider sind sie nicht im Interesse der Bevölkerung, die dies alles ertragen und finanzieren muss.

Einige politische Beispiele für die Richtung der bundesrätlichen Regulation:
Die administrative Arbeit nimmt Jahr für Jahr zu. Seit Anfang 2017 führte dies bei vielen Hausärztinnen und Hausärzten zu einem zusätzlichen Arbeitstag pro Woche. Die Kosten für die Regulierung tragen die Ärzteschaft und die Bevölkerung. Die niedergelassene Ärzteschaft wird zu hohen Investitionen in Software und Hardware gezwungen, ohne Rückvergütung. Werden elektronische Patienten-Dossiers obligatorisch, wie schon mehrfach angekündigt, wird der ärztliche Datenschutz Makulatur.
Gleichzeitig wird auf bundesrätlichen Beschluss hin die Vergütung der Grundversorger-Praxen kontinuierlich reduziert. Da Miete und Löhne nicht abnehmen, können sich Grundversorger nur durch Mehrarbeit halten. Dies macht zunehmend Druck, die Praxis zu schliessen und sich anstellen zu lassen, eine industrielle 5-Minuten-Medizin zu betreiben, persönliche Verluste hinzunehmen oder sich selber auszubeuten.

Fair-Medicine
Auf der Ebene der Versicherungen ähnelt die Situation derjenigen der Lebensmittel-Industrie: zwischen den Produzenten und den Kunden hat sich eine eigene Industrie etabliert, eine Form von Zwischenhandel, die zunehmend die Produktionsbedingungen diktiert und immer öfters auch besitzt. Im medizinischen Bereich haben sich die ursprünglich als Non-Profit-Organisationen gegründeten Versicherungen zu einem hoch-profitablen Geschäft ausgebaut. Ein Fair-Medicine-Label analog dem Fair-Trade-Label ist dringend notwendig. Da die Bevölkerung ohne den Zwischenhandel selbstverantwortlicher, gesünder und reicher bleibt, ist dies mein Weg. PatientInnen und ÄrztInnen können sich so ungestört auf die Kunst des Heilens konzentrieren.

Zerstörung günstiger Gesundheitswesen
Auf der Ebene der Politik ist seit den 90er Jahren weltweit eine systematische Deregulierung von einst günstigen und effizienten Gesundheitswesen zu beobachten. Länder mit einer hohen Dichte an HausärztInnen sind medizinisch gut und günstig versorgt, wie die Schweiz bis zum Krankenkassen-Obligatorium 1996, während eine hohe Spezialisten-Dichte zusammen mit einer zwangsregulierten Bevölkerung zu einem teuren und gefährlichen Gesundheitswesen führen, wie in den USA.
Kurzfristig wirft die Medizin-Industrie hohe Gewinne für wenige Personen ab, sie führt aber zu gesundheitsschädlicher Fast-Medicine mit fatalen Folgen für die gesamte Bevölkerung. Eine gute, sichere und günstige medizinische Versorgung ist leider nicht im Interesse der Medizin-Industrie, genauso wenig wie Gemüsegarten, Markt und eigenes Kochen den Fast-Food-Giganten behagt.

Kommerzialisierte Medizin
Wollen wir wirklich, dass unsere Gesundheit ein Verkaufsgut ist? Wahrscheinlich möchte dies die Mehrheit der Bevölkerung nicht. Dennoch wird das Schweizer Gesundheitswesen systematisch zu einem Verkaufsprodukt umgebaut, analog den gut funktionierenden Vorgaben aus den USA, Deutschland, Österreich, Südafrika und anderswo.
Gute und sichere Medizin fusst auf gegenseitigem Vertrauen, einem ausführlichen Gespräch und einer individuell angepassten körperlichen Untersuchung. Dies kann nicht industriell erzeugt und vermarktet werden. Im Gegenteil: es ist die lokale Konkurrenz zur globalisierten Medizin-Industrie.
Nicht zufällig folgt der Annahme eines Versicherungs-Obligatorium jeweils die systematische Zerstörung des Vertrauens in die lokale Ärzteschaft. Damit wird politisch erst möglich, was als nächster Schritt folgt: die Vergütung der GrundversorgerInnen konsequent zu reduzieren und gleichzeitig selbständige ärztliche Praxen finanziell, politisch und regulativ derart zu überlasten, dass durch fehlende Nachfolge sie von selber verschwinden oder sich in einem Angestelltenverhältnis dem ökonomisch-politischem Diktat unterordnen. Auf diesem Weg ist die Schweiz schon weit fortgeschritten.

Kleiner ökonomischer Exkurs
Wie wird ein Gesundheitswesen kommerzialisiert?
Zuerst werden Produkte kreiert, zum Beispiel T-Shirts, Stiefel, eine EU-Banane oder eben eine Blinddarm-Operation, eine HPV-Impfung oder eine gynäkologische Vorsorgeuntersuchung.
Damit ein Handel aufgebaut werden kann, müssen die Produkte normiert sein: in Grösse, Dauer, Länge, Farbe, Inhalt, Zeit, Aufwand etc. Im medizinischen Bereich führt dies zum Beispiel zu Fall-Pauschalen („eine Blinddarm-Operation“) oder Zeitpauschalen („eine gynäkologische Vorsorgeuntersuchung“) oder Einkaufspreisen („eine HPV-Impfung“). Über die Preise kann dann des Langen und Breiten gestritten werden, was viel Arbeitszeit und Energie absorbiert.
Sobald das Produkt („eine Blinddarm-Operation“) festgelegt ist, fallen alle individuellen Bedürfnisse schon im Voraus weg. Diese „Nebenwirkung“ der Normierung gefährdet direkt Patientinnen und Patienten. Um die Gefahr der Fehlbehandlung zu reduzieren, wurden weitere regulative Massnahmen notwendig (Name, Körperteil und geplante Operation aufrufen oder computerisierte Checkliste der Nebendiagnosen mit der geplanten medikamentösen Behandlung etc.) Auch hier werden sehr viel Energie und Arbeitszeit investiert.
Die so kreierten Produkte können nun global gehandelt werden. Die Vermarktung hat ihre eigenen Regeln: eigene Produkte müssen als sehr gut dargestellt, Konkurrenzprodukte möglichst verhindert, Gesetze möglichst auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten werden. Im globalen Handel gelten ökonomische Regeln wie Gewinnmaximierung, Einflussnahme auf einen möglichst exquisiten Marktzugang, Monopolisierung etc. Hier sind soziale, nachhaltige, präventive Aspekte störend, da sie Herstellung, Verkauf und Gewinne behindern können, weswegen sie möglichst umgangen und bekämpft werden. Der ökonomischen Logik folgend können auch Nebenwirkungen und Langzeitfolgen gewinnbringend behandelt werden, sobald die Gefahren eines politischen Verbotes oder einer juristischen Verurteilung gebannt sind.
Im Medizinbereich bedeutet dies: die gehandelten Produkte müssen weder gesundheitsfördernd noch sozial verträglich sein, sie müssen einzig gewinnbringend sein.

Die Vereinnahmung von Wissenschaft und Forschung
Die Medizin-Industrie deklariert sich aus naheliegenden politischen Gründen nicht offen. Um die öffentliche Hand, die meistens für die universitäre Ausbildung, Lehre und Forschung wie auch für die staatlichen Forschungsgelder aufkommt, naiv und wohlwollend zu halten, wurde in den letzten etwa zwei Jahrzehnten weltweit eine von der Medizin-Industrie gesponserte und dirigierte Forschungs-Industrie aufgebaut. Geheimnisse und Lügen sind hier essentiell.
Gemäss Professor Ian Chalmers, einer der Gründer und Leiter der Cochrane Database, waren nach eigener Untersuchung gute 85% der Studien-Rohdaten für wichtige medizinische Leitlinien nicht verlässlich, sprich: erfunden, weggelassen, falsch zugeordnet oder abgeändert worden.
Zusätzlich ist die Deklaration eines Industrie-Sponsoring weder ein Hindernis-Grund für den Einsitz in medizinischen Gremien und Kommissionen, noch wird eine fehlende Deklaration gebüsst.
Der Kreis schliesst sich, wenn die Ergebnisse von Studien manipuliert sind, die medizinischen Gremien zur Erstellung von Leitlinien mehrheitlich aus gesponserten ÄrztInnen bestehen, wichtige politische Gremien wie nationale Impfkommissionen intransparent sind und nun eine der letzten verlässlichen wissenschaftlichen Institutionen, die Cochrane Database,  dem Sponsoring erliegt und ein wichtiges, unabhängiges Mitglied aus dem eigenen Vorstand entfernt.

Was können wir tun?
Der Verkauf der Bevölkerung an die international tätige Medizin- und Versicherungs-Industrie kann nur gemeinsam politisch gestoppt und transformiert werden. Denkbar sind regionale Krankenkassen als Non-Profit-Organisationen: eine per Bundesgerichtsurteil zum Verschwinden gebrachte lokale Krankenkasse (Turbenthaler Krankenkasse) hatte 1996 bis 2016 kaum Prämienerhöhungen durchgeführt! Das gesamte Geld der übrigen Schweizer Bevölkerung, das seit 1996 als obligatorische Pro-Kopf-Steuer in die restlichen Krankenkassen abfliesst, könnte zur Gesunderhaltung der Bevölkerung genutzt und zu einem kleinen Teil als Non-Profit-Fond für schlechte Zeiten zur Seite getan werden. Wir alle wären selbstverantwortlicher, gesünder und reicher.

Was kann ich tun?
Als Ärztin habe ich versucht den politischen Einfluss auf ein Minimum zu reduzieren und unbeirrt meine prophylaktische, nicht-operative, phytotherapeutische, manuelle, psychosoziale und psychosomatische Arbeit weiter zu führen. Nach nun drei massiven Bussandrohungen und jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen wurde klar, dass es keinen Platz für ÄrztInnen wie mich im aktuellen Gesundheitswesen der Schweiz gibt. Ich habe deshalb in meinem nun sechzigsten Lebensjahr  die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich darum gebeten, in den Ausstand treten zu dürfen. Auf Anfang Mai 2019 wurde mir dies erlaubt. „ÄrztInnen im Ausstand“ bedeutet, dass die Grundversicherungen (KVG) weder kostenpflichtig noch regulationsfähig sind. Zusatzversicherungen (VVG) führen teilweise spezielle Angebote zur Kostenübernahme von „ÄrztInnen im Ausstand“.